MERCIFUL NUNS - Interview THELEMA

Merciful Nuns / Sonic Seducer, Karin Hoog

Every man and every woman is a star

Seit ein paar Tagen begrüßt ein einsamer Astronaut am Eingang eines riesigen Gebäudes - einer Pyramide, einer Grabkammer vielleicht - den Besucher der offiziellen MERCIFUL NUNS Internetseite. Ein starkes Bild, das augenblicklich eine Assoziationskette auslöst, wie dies auch „Thelema VIII“, so der Titel des neuen Albums von Artaud Seth, Jón und Jawa, den MERCIFUL NUNS, in uns hervorruft. Wie alles, was Mastermind Artaud Seth musikalisch hervorbringt, ist auch „Thelema VIII“, das im März erscheinen wird, augenscheinlich ein Konzeptalbum geworden. "Thelema ist griechisch und heißt Willen", so steht es in der Presseerklärung zum neuen Album, „und um den geht es. Um das Erwecken des Willens in jedem einzelnen von uns. Der rote Faden ist der revolutionäre Ansatz, seinen eigenen Willen durchzusetzen, sich gegen Unterdrückung aufzulehnen und sein Leben selbst und kompromisslos zu gestalten. Warum ist das revolutionär? Weil die heutige Gesellschaft eher auf Gleichschaltung als auf Individualisierung setzt.“ Ein vorab auf Facebook geposteter Trailer zu „Thelema VIII“ enthält zwei Zitate: ‚Tue was du willst sei dein einziges Gesetz‘, der die Freiheit des Individuum anspricht und ‚Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern‘, der die Gleichberechtigung von Mann und Frau thematisiert. Diese Grundsätze des Zusammenlebens wurden auf einen fernen Exoplaneten transferiert um diese in einer dystopischen Gesellschaft aufgehen zu lassen. Offensichtlich handelt es sich hier um zwei Zitate von Aleister Crowley, einem berühmt-berüchtigten Okkultisten, der es Anfang des letzten Jahrhunderts zu zweifelhaften Ruhm brachte. Diese exoplantetarische Gesellschaft lebt laut Pressetext aber nicht nach Crowleyschen Prinzipien, sondern nach denen von François Rabelais, der Anfang des 16. Jahrhundert eine neue Gesellschaftsform etablieren wollte - die Abtei von Thelema. Er wird von der Bevölkerung auf "Thelema VIII" als Erschaffer angebetet.

Auf YouTube findet man einen Besuch von Artaud Seth, Kopf und Mastermind hinter MERCIFUL NUNS, in Crowleys Thelema Tempel in den Hügeln unweit der kleinen sizilianischen Hafenstadt Cefalù, die anscheinend durchaus ihre Spuren hinterlassen haben. In einem Kommentar auf YouTube konstatiert er „Klar hat mich das auch inspiriert, gerade wenn man sich vor Augen hält, was an diesem Ort alles so an Unheiligem passiert ist. Das hat schon eine ganz spezielle Atmosphäre dort, gerade wenn man vor den teilweise noch gut erhaltenen, original von ihm angefertigten Fresken steht.“ Wobei das eben von ihm erwähnte „Unheilige“ durchaus mit einem zweifelnden Unterton versehen ist, da okkulte Systeme für ihn keine Bedeutung mehr haben, wie er anschließend ausführt: „Was ist Okkultismus? Der Okkultismus funktioniert doch nur in Umfeld eines religiösen, meist christlichen geprägten, Glaubens. Ich habe diesen Glauben nicht. Oder treffender gesagt: ich habe das Wissen, dass Gott, wie auch immer er genannt wird, nicht existiert! Religion ist eine reine von Menschen gemachte Illusion und somit obsolet.“ Artaud Seths Aufenthalt dort, inklusive seiner Führung durch das leerstehende, halb verfallene Gebäude ist hier dokumentiert und lässt die Faszination erahnen, die auch heute immer noch von diesem Ort ausgeht: https://www.youtube.com/watch?v=QOAMvKZnTmg&feature=youtu.be

Nicht nur textlich-philosophisch, sondern auch musikalisch stammt das neue Album wieder einmal komplett aus Artaud Seths Feder und wurde mit Bassistin Jawa und Gitarrist Jón umgesetzt. Laut Pressetext entstand „Thelema VIII“ zwischen Mai und Oktober letzten Jahres in den Tetragrammaton Studios in Berlin, die sich im Keller von Artaud Seths Wohnhaus befinden. Weiter steht dort zu lesen, das er erst gedacht hat, das neue Album wäre eine Weiterführung von ‚Exosphere', dem vorletzten Album der MERCIFUL NUNS. Im späteren Verlauf des Songwritings wurde ihm aber klar, dass er einen neuen Ansatz gefunden hatte, der weit über das, was MERCIFUL NUNS bisher gemacht haben, hinausgeht. Artaud: "Es fühlt sich an wie eine Art Bestimmung, genau das jetzt machen zu müssen. Die Fragen verdichten sich langsam, aber sicher zu einer Antwort. Thelema VIII ist für mich persönlich ein Meilenstein des Verstehens.“ Und wie immer hat Artaud Seth auch das gesamte Artwork selbst gestaltet, das Frontcovermotiv zeigt dabei drei thelemitische Siegel neben den griechischen Buchstaben für „Thelema“. Das Cover zur Singleauskopplung "Allseeing Eye" zeigt das Symbol der dystopischen Gesellschaft auf Thelema VIII.

Bleibt noch die Frage nach dem eingangs erwähnten Bild des einsamen Astronauten und dessen Bedeutung für das neue Werk. Hierzu fand ich folgendes Zitat von ihm: „Ich bin immer auf der Suche nach Bildern, die Vergangenheit und Zukunft zusammenbringen. Ich glaube an Kreisläufe, an die immerwährende Wiederkehr des Vergangenen und ich sehe Parallelen zwischen antiken Hochkulturen und futuristischen Gesellschaften. Ich glaube an unbekannte Kulturen, deren Existenz so lange her ist, dass sie keine klassischen Spuren hinterlassen haben, Hochtechnologien in der Antike oder noch älter.“ Um Antworten über diese Antike Hochkulturen, dem neuen Album "Thelema VIII" und der darauf zu findenden dystopischen Gesellschaft, Aleister Crowley's Einfluss auf ihn, uns und der Musikwelt im Speziellen sowie über die neue Single "Allseeing Eye" samt dazugehörigen Video, zu bekommen, bittet das Sonic Seducer nun zu einem Interview.


Wie muss ich mir einen „typischen“ Tag im Studio vorstellen? Artaud: Geregelter als man es vielleicht glauben mag. Selbstdisziplin dürfte zwar nicht einer meiner Stärken sein, aber es ist tatsächlich mittlerweile alles recht durchorganisiert. Ein Album zu schreiben und zu produzieren ist schlicht ein enormer Aufwand. Da muss ich mich, entgegen meines Naturells, einfach etwas eintakten. Meistens sitze ich ab 12.00 im Studio und vor 5 Uhr nachts komme ich selten da raus. Das kann dann schon mal ein paar Monate so gehen.

Bei Deinem Output an Veröffentlichungen dürfte das auf Dauer kein sehr gesunder Lebensstil sein, oder? Artaud: Das stimmt wohl leider. Mehr als 5 Stunden Schlaf bekomme ich eher selten. Aber ich verfüge trotz meines biblischen Alters über eine gute Konstitution.

Wie alt bist Du eigentlich? Man hat ja das Gefühl Du warst schon irgendwie immer da. Artaud: Im August 1999 habe ich mein 3001. Lebensjahr begonnen. Seitdem habe ich aufgehört zu zählen.

Kannst du mir bitte etwas über eure Arbeitsweise erzählen? Artaud: Ich schreibe, arrangiere und produziere die Songs meistens alleine. Jawa und Jón spielen dann später ihre Bass und Gitarren Parts ein. Die Texte, das Konzept und selbst das Layout stehen meist schon vorher oder sind zumindest fragmentarisch vorhanden. Nur so bleibe ich auf die Thematik fokussiert und schweife nicht ab. Das ist mir wichtig.

Warum habt ihr gerade den Anfang von „Dystopia“ als Soundtrack arrangiert? Ich finde es musikalisch einen sehr guten Einstieg in das Album - steckt evtl. auch noch eine andere Bedeutung dahinter? Artaud: Du meinst die ersten Sekunden des Songs? Das ist eine Art Einführung in das Szenario auf dem Planeten "Thelema VIII". Die Bevölkerung trifft sich auf dem zentralen Versammlungsplatz und huldigt ihrem Gründer Rabelais. Hier beginnt die Reise in die Abgründe einer dystopischen Gesellschaft, die nach Thelemitischen Grundsa¨tzen auf einem fernen Exoplaneten leben.

Wer war oder ist Rabelais? Artaud: François Rabelais war ein französischer Schriftsteller und Querdenker, der Anfang des 16. Jahrhundert eine neue Gesellschaftsform etablieren wollte - die Abtei von Thelema. In ihr sollten die Menschen in völliger Freiheit, gemäß der einzigen Ordensregel „Tu, was du willst“ leben. Er wird von der Bevölkerung auf "Thelema VIII" als Erschaffer angebetet. Der britische Okkultist Aleister Crowley hat diese Leitlinie des Zusammenlebens später erweitert und in seinem Thelema Tempel übernommen.

Auf YouTube sieht man Dich die ehemalige Wohn- und Kultstätte „Thelema“ von Crowley in Cefalu, Sizilien erkunden. Deine Reisen scheinen Dich ja häufiger zu inspirieren. Wie wichtig sind solche Orte des Geschehens? Artaud: Sehr wichtig. Diese Orte geben mir die Absolution die Rolle eines eingeweihten Chronisten einzunehmen.

Was an der Gesellschaft auf dem entfernten Exoplaneten ist überhaupt „dystopisch“? Artaud: Alles. Die als offen und liberal konzipierte Gesellschaft unterdrückt ihr Bewohner und beutet sie aus.

Wie wichtig ist der Freiheitsbegriff auf „Thelema“? Artaud: Freiheit ist das zentrale Thema auf "Thelema VIII“. Die Freiheit des Individuums, insbesondere die der Frau, das Ausleben der individuellen Neigungen und Wünsche zur Befriedigung des eigenen Seins sowie natürlich dem originären Ziel des Daseins: der persönlichen Erfüllung. Das klingt jetzt im Kontext zur fiktiven Gesellschaft auf "Thelema VIII“ abstrakt, ist aber durchaus in die Jetztzeit unserer Gesellschaft übertragbar. Wir sind hier ALLE nur einmal! JEDER hat nur eine Chance auf ein schönes, erfülltes Leben!

„Every woman and every man is a star“, wenn ich Dich mal zitieren darf? Artaud: Genau. Das Zitat ist zwar nicht von mir, sondern von Crowley, aber es passt in diesem Kontext sehr gut zu dem, was ich ausdrücken wollte.

Inwiefern haben antike Hochkulturen Einfluss - die ja immer mal wieder in Deinen Texten auftauchen - auf das Leben auf dem Exoplaneten? Haben sie überhaupt Einfluss? Oder ist es eher der Einfluss der Bewohner dieses Planeten auf uns? Artaud: Für mich stellen antike Hochkulturen wie die der Sumerer, Ägypter, Mayas und deren Verehrung von Gottheiten „von Außerhalb“ ein Abbild der Zukunft dar. Ich bin mittlerweile der festen Überzeugung, dass wir von diesen frühen Hochkulturen „besucht“ worden sind. Diese Besucher beten wir heute als Gott oder Götter an.

Kannst du bitte noch mehr über diese Welt auf dem Exoplaneten erzählen? Artaud: Ich könnte Dir jetzt alles und nichts erzählen. Denn ich habe ihn ja erschaffen. Vielleicht sollte ich jetzt kurz anmerken, dass wir uns hier auf fiktivem Terrain befinden. Dieser Planet ist nicht real. Er ist ein Abbild unserer Gesellschaft im Lichte der „von Außerhalb“ geprägten Vergangenheit. Und selbst diese Behauptung ist nicht mehr als eine Vermutung. Wenngleich eine plausible und mehr als nur mögliche Behauptung.

„Allseeing Eye“ das ihr vorab als Single ausgekoppelt habt, ist für mich - zusammen mit dem Titeltrack „Thelema“ – das eingängigste Stück des Albums: Habt ihr es deshalb ausgewählt? Oder weil es wichtig für das Gesamtkonzept ist? Artaud: Beides. Der Song ist recht einfach strukturiert. Ehrlich gesagt, mir war der Song zuerst sogar zu einfach und ich habe lange überlegt, ob er der Stimmung des Albums gerecht wird. Letztendlich bin ich aber froh, dass ich mich dazu durchgerungen habe ihn mit auf das Album zu nehmen. Mittlerweile sehe ich “Allseeing Eye” als echte Bereicherung und auch als durchaus gelungenen und intelligenten Popsong an.

Kannst du bitte auch ein wenig näher auf das Symbol der dystopischen Gesellschaft eingehen, das auf dem Cover der Single zu sehen ist? Artaud: Das Symbol zeigt ein doppeltes „Victory“ Siegeszeichen, welches ich mit dem griechischen Wort für Willen (Thelema) gekreuzt habe. Der Sieg geht nur über den Willen.

Stammt das Artwork zum Album auch von Dir? Artaud: Ja, wie das aller MERCIFUL NUNS Alben.

Ich habe gelesen, dass „Thelema VIII“ eine Weiterführung von „Exosphere VI“ werden sollte: Was sind die Gemeinsamkeiten, die du gesehen hast und warum hast du diesen Gedanken letztendlich verworfen? Kannst du einen grundlegenden Unterschied benennen? Artaud: Auf „Exosphere“ hatte ich damals ähnliche Synthesizer verwendet, die jetzt wieder verstärkt zum Einsatz kamen. Das Thema war ebenfalls in den Tiefen des Weltalls angesiedelt und die Herangehensweise war eine ähnliche. Im Verlauf des Songwritings wich ich aber etwas von der Vorgabe ab und „Thelema VIII“ bekam seine ganz eigene Note. Trotzdem lassen sich natürlich immer noch Parallelen ziehen.

„Red Flame“, dass gewissermaßen die erste „Seite“ der Platte abschließt, gefällt mir auch sehr gut – ein klassischer Up-Tempo Gothic Rock Song. Welche Bedeutung kommt ihm im musikalischen Gesamtkonzept zu? Artaud: Der Aufruhr auf "Thelema VIII“ beginnt mit der Unterdrückung der Frau im generellen und mit der Vergewaltigung von Elain – der Hauptprotagonistin - im speziellen. Sie prostituiert sich und rächt sich an den Männern, die ihr das angetan haben. Viel mehr möchte ich dazu nicht sagen, da eigentlich schon alles im Text dargelegt wird.

„In Silence“ hört sich für mich nach einer Zermenonie / einer Messe an, sehr geheimnisvoll und sphärisch: Kannst du mir bitte mehr über die Textstelle „it´s 3 am in my monochrome world/district 8 rebels again.“ verraten? Artaud: Der Song wird aus der Perspektive einer rebellischen Frau erzählt. Die Stimmung im Song spiegelt die Verzweiflung, die Einsamkeit und die Ausweglosigkeit der Situation wider, in der sich diese Frau befindet. Es könnte Elain sein, bin mir aber nicht ganz sicher.

„The Law“: „Do what thou wilt…“ und „All the world´s a stage” ist ein seltsam-faszinierender Crowley-Shakespeare_Hybrid (in Macbeth geht es ja zum Ende hin um die Welt als Bühne) Wie siehst du das? Artaud: Shakespeare ist nicht so meins. Seine Werke sind mir zu britisch, zu dramatisch und ehrlich gesagt, oft auch zu langweilig. „The Law“ repräsentiert schlicht die Grundformel einer vollkommenden Existenz: Tue was Du möchtest, sei Dein einziges Gesetz.

Welche Bedeutung haben die surreal-sphärischen Stücke „The Aeons“ und „L.V.X.“? Artaud: Sie sind jedenfalls meine Lieblingsstücke auf „Thelema VIII“. Gerade „L.V.X.“ empfinde ich als sehr gelungen. Viel düsterer und morbider kann ein Song kaum sein. Der Text ist voller Reminiszenzen an Baudelaire, Rimbaud oder auch William Blake.

Die zentralen Stücke scheinen für mich „Allseeing Eye“ und der Titeltrack „Thelema“ zu sein, der das Album beschließt: siehst du das ähnlich? Kannst du auf die Bedeutung der Stücke für das gesamte Album eingehen? Artaud: Es gibt eigentlich gar keine zentralen Stücke auf „Thelema VIII“. Jeder Song hat seine ganz eigene Rolle. Das ist ja auch der Sinn hinter einem Konzeptalbum. Der letzte Song „Thelema“ steht für Rebellion und Aufstand. Oder anders gesagt, für das Überwinden der eigenen Grenzen in uns selbst. Auch hier ist wieder der Wille gefragt. Besiege Deine Angst. Wehr Dich, versammelt Euch und ändert die Situation.

Welche Bedeutung haben die Hintergrundgesänge am Ende des Albums? Artaud: Aleister Crowleys original Stimme beendet das Album.

Ich danke Dir für dieses Interview! Artaud: 93 /93

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